Tabea Zeltner

Flüssiger Mensch

Als die Mutter schwanger gewesen war, nannte sie das Ding, das einmal Rose

werden sollte, „Wurmerl“. Zu viel Sport tut dem Wurmerl nicht gut, Alkohol erst

recht nicht, das Wurmerl verlangt nach Thunfisch, das Wurmerl hat sich für Ende

März angekündigt.

Der Name stammte vom Vater, und der hatte ihn von einer vergangenen Lieb-

schaft. Außer ihm weiß das keiner, erst recht nicht die Liebschaft. Der Mutter war

der Name zuerst gleich. Volle 14 Monate brauchte sie, um sich von der Geburt zu

erholen; emotionale Genesung benötigt Zeit. Erst danach begann sie, sich nicht

mehr nur performativ, sondern aufrichtig für dieses Kind zu interessieren. Da fand

sie den Namen schön, wenn auch etwas lyrisch für ein echtes Kind, das kackt

und schreit und irgendwann Bewerbungen schreiben muss.

Rose ist das Kind einer Mutter mit postnataler Depression.

Rose ist das Kind einer sturen Mutter.

Rose ist das Kind einer großmütterlichen Mutter.

Rose ist ein Kind, das Mutter wird.

Die Rose war nie eine, die darauf bestanden hat, größer zu werden, und erst

recht nicht darauf, groß zu sein. Sie hat nach der Schule im Café neben der

Seniorenresidenz Sonavita gearbeitet, dann ein Bufdi im Hospiz gemacht und im-

mer nannten sie alle „Kind“ und sie fand das gerecht. Rose ist 19 und findet, zu-

rechnungsfähig ist man frühestens mit 26. Als sie das der Anne erzählt, die wohl

ihre beste Freundin wäre, wenn sie nicht manchmal so Nazi wäre, da nickt Anne

und sagt, dass sie deswegen nichts mit Typen unter 28 anfängt. Dabei nippt sie

selbstzufrieden an ihrem Cuba Libre und kommt sich wahrscheinlich sehr er-

wachsen vor. Rose findet das, was Anne sagt, scheiße. Mit Erwachsenen, die

was mit quasi Unzurechnungsfähigen anfangen, will sie nichts zu tun haben. Sie

sagt: „Würdest du was mit ‘nem 17-jährigen anfangen? Und da sind bloß zwei

Jahre dazwischen, oder eben drei.“, und sie sagt: „Wenn du 28 bist, wirst du

nichts mit ‘nem 19-jährigen anfangen wollen.“ Aber Anne ist unzurechnungsfähig,

weil sie jung ist und verliebt und auch, weil sie Anne ist.

Den ganzen Abend über wird nichts Interessantes mehr gesagt, außer einmal,

als Anne meint, wenn sie 28 ist, ist sie bestimmt lesbisch. Aber Rose ist sich

nicht sicher, wie sie das meint.

Auf dem Weg nach Hause kauft Rose Tampons, am nächsten Morgen muss sie

kotzen.

Der Menstruationskalender steckt im Ordner zwischen dem Impfpass und der

Ehrenurkunde der Bundesjugendspiele. Rose hat es mit dem Ding versucht, aber

der Kalender wollte ein „–“ für Weißfluss und ein „X“ für Schmierblutung und von

beidem wollte sie nicht wissen, was es ist. Anne hat eine App dafür, aber die kos-

tet 1,79€ und Rose zahlt nicht für Apps. Außerdem hat sie gehört, dass die die

Daten verkaufen – an Arbeitgeber, die wissen möchten, ob du schwanger werden

willst, oder an Perverse. Also weiß Rose nicht, wie lange es her ist. Nur, dass es

mal wieder Zeit wäre, das hat sie sich in den letzten Tagen schon gedacht.

Sie kauft sich erst einen Test mit Streifen, dann einen mit Display. Beide sagen

ihr das Gleiche, aber der Zweite sagt auch: 5. Woche. Obwohl Rose gleich weiß,

dass sie es wegmachen möchte, hat sie ein schlechtes Gewissen wegen der

Cocktails gestern Abend. Das macht man nicht, wenn man schwanger ist, auch

dann nicht, wenn man es eh wegmachen wird.

Rose sitzt, als sie den Frauenarzt anruft, mit Test in der Hand und Höschen um

die Knöchel auf dem Klo der Unibibliothek. Die sagen ihr, sie muss den Termin

persönlich machen, weil sie den letzten verpasst hat. Rose legt auf und rollt das

billige Klopapier zu Kügelchen. Sie sitzt da, sie sitzt, bis ihre Oberschenkel

schmerzen.

Das Sofa im Wohnzimmer ist niedrig und durchgesessen. Man hockt zu tief und

zu bequem, um ernste Gespräche zu führen. Mutter und Vater sitzen Rose ge-

genüber, der Fernseher läuft, und Rose spricht es einfach aus, mit einem Tonfall,

den sie selbst nicht deuten kann. Die Mutter sagt oft „ach, Kind“, wie die Leute

aus dem Seniorenheim, sie stellt Fragen, vor allem welche, die in den Aufklä-

rungsunterricht gehören. Der Vater will nur eine Sache wissen, die fragt er immer

wieder, er will wissen, wer es war, welcher Junge, was für einer. Er hört nicht auf,

zu fragen, so, als würde man ein Kind erst mit dem Vaternamen in die Wirklich-

keit ziehen. Vielleicht sucht der Vater auch Erlaubnis, um sich zu freuen, will,

dass da ein guter Papa einen guten Enkel für ihn gemacht hat. Rose findet nicht,

dass der Junge damit etwas zu tun hat, der Junge, dessen Körper gar keinen Un-

terschied gemerkt hat zwischen ihr und einem Taschentuch, dessen Körper eja-

kuliert hat, wie er es täglich tut. Ihr Körper ist der, der das Ding in sich verwur-

zelte und nährt und pflegt und der jetzt plant, auseinanderzubrechen. Sie hat

nicht vor, dem Jungen zu sagen, was ihr Körper mit seinem Ausfluss angestellt

hat. Wenn er ein Kind will, dann kann er sich dafür eine suchen oder kaufen, aber

Rose ist doch nicht sein Kräutergarten.

Rose hat noch gar nicht gesagt, dass sie es wegmachen will, also sagt sie es.

Die Eltern werden still. Dann folgt Zur-Seite-Nehmen und Mit-gedämpfter-

Stimme-Reden und es wird ganz oft „Kind“ gesagt und einmal Mord. Aber Rose

will doch kein Kind sterben lassen, da ist doch kein Kind in ihrem Bauch, wie soll

denn etwas sterben, das man gar nicht fühlen kann? Wie soll man denn etwas

ermorden, dem man noch nicht einmal Socken anziehen kann? Wenn da ein

ganzer Mensch in Rose wäre, dann wüsste sie das doch, das hätte sie doch ge-

merkt.

Die Mutter sagt, Adoption sei okay, aber als Frau müsse man eben auch auslöf-

feln, was man sich eingebrockt hat. Rose denkt, dass die Mutter nicht versteht.

Die Mutter spricht davon, einen Menschen wegzugeben, aber Rose will gar kei-

nen machen. Jetzt sagen da gerade andere „willkommen“ zu einem Kind, zu dem

sie nicht einmal „ja“ gesagt hat.

Rose hört zu, bis die Worte ausgehen und das Leben der Erwachsenen anklopft

und am Ende ist viel gesagt und nichts geklärt.

Sie schreibt Anne eine Nachricht, macht ein Treffen aus. Heute an der Brücke,

wo abends die Studenten rumhängen, weil die Aussicht über den Fluss dann so

malerisch ist. Während sie schreibt, wird Rose bewusst, wie sehr sie die Anne

nicht mag. Jetzt ist es zu spät, und jemand anderen hat Rose nicht. Anne

schreibt: „freu mich!“ Rose schreibt: „ich bin schwanger und ich will es wegma-

chen lassen“. Anne tippt und Rose macht das Handy aus.

Später als ausgemacht kommt Rose bei der Brücke an. Anne ist bekifft. Sie sitzt

auf der Gehsteigkante und malt mit dem Füller kleine Blumen auf ihren weißen

Leinenrock. Wie immer, wenn sie eine Zigarette oder einen Joint hat, bläst sie

Rose zur Begrüßung Rauch ins Gesicht. Annes Augen weiten sich, sie murmelt

„Oh shit, sorry“ und atmet scharf ein, wie, um den schädlichen Rauch zurückzu-

saugen.

„Mensch“, sagt Anne, als sich Rose neben sie setzt. „Biste eigentlich sicher?

Warste schon beim Arzt?“ Rose nickt, um sich nicht anhören zu müssen, dass

sie den Termin machen muss. „Sachmal“, sagt Anne, „ich versteh ja, dass das

jetzt scheiße für dich ist, aber du kannst es doch nicht wegmachen lassen. Ich

mein, so eine bist du doch nicht.“ Rose schweigt und Anne redet und irgendwann

sagt jemand Mord.

Als Rose heimkommt, liegt Medea auf dem Bett, ordentlich auf das Kopfkissen

gebettet. Euripides, Reclam, Pflichtlektüre 9. Klasse. Die Mutter ist das Drama

damals mit ihr durchgegangen für die Deutschklausur. Rose hat die Bücher im

Regal nach Farben geordnet, es sieht aus, als sei ein Stück aus einem Regenbo-

gen herausgebrochen. Sie ist hungrig, aber sie wartet, bis das Haus schläft, be-

vor sie sich zum Kühlschrank schleicht.

Bis zum Morgen durchkämmt Rose das Netz wie einen lausbefallenen Haar-

schopf. Sie findet Bilder und Reportagen und Foren, besonders die ziehen sie an,

die wirken echter als alles, was mit ihr passiert, und sie sind voller Wut und

Scham und tun weh. Es wird diskutiert, wann der Fötus einen Herzschlag hat.

Nach nicht einmal 6 Wochen, sagt Katha-Lo3, und dann sagt eine dort, die kein

Profilbild hat und kein Banner, und ein „Newbie“ unter dem Usernamen, dass das

egal sei. Das mit dem Herzschlag sei egal und auch, ob es ein Fötus sei oder ein

Zellhaufen oder ein Mensch. Weil nämlich kein Mensch einen anderen als Roh-

stoff benutzen darf, seine Organe, sein Blut, zumindest nicht ohne Einverständ-

nis, und Einverständnis darf man jederzeit zurückziehen, wie beim Sex, und au-

ßerdem sei Sex kein Einverständnis zum Austragen, sondern nur das Eingehen

eines Risikos wie ein kurzer Rock ein Risiko ist. Und sie sagt, selbst Leichen dür-

fen nicht so als Ressource benutzt werden ohne Einverständnis, selbst, wenn

das jemanden umbringt, selbst, wenn die Leiche ein Mensch war, der einen an-

deren Menschen angestochen hat und der jetzt die Organe seines Mörders

braucht, weil in seinen ein Loch ist, selbst dann darf man das nicht. Und Rose

liest das dreimal und dann liest sie weiter und der nächste Post hat fünf Sterne

unter dem Namen und das Wort „Kapitän“ und schreibt, dass sich da schon Fuß-

nägel gebildet haben und man kann doch niemanden ermorden, der Fußnägel

hat. Das stand so auch auf Seite 6, aber da hat jemand nicht alles durchgelesen,

da wollte jemand selbst sprechen, das passiert. Roses Augen fallen zu, und be-

vor sie einschläft, denkt sie daran, wie viel leichter Zehennägel der Mutter zu er-

klären sind als potenziell posthum mordende Leichen.

Zum Frauenarzt fährt Rose mit dem Fahrrad. Sie wartet vier Stunden, um nicht

noch einmal kommen zu müssen, und nach der Untersuchung fragt niemand, ob

sie es denn haben will. Sie verlässt die Praxis mit einer dünnen Broschüre aus

Glanzpapier und einem „Glückwunsch!“, das ihr in den Ohren ringt wie einer zu-

rückhaltenden Braut das Geläut von Kirchenglocken.

Rose beschließt, nicht so eine zu sein, sie leiht dem Wesen diesen Körper, den

es sich längst genommen hat. Sie überlässt dem Wurmerl ihr Blut und ihre Atem-

luft und ihr Essen und ein kleines Stück von allem, was sie sonst noch ist. Das

Wurmerl nimmt sich alles, unwissend und undankbar und unschuldig wie eine

Mücke, unschuldig wie ein Kind.

Die Mutter schenkt ihr Bücher, auf deren Umschlag hellhäutige Frauen ihre Ku-

gelbäuche streicheln. Beinahe so, als würden sie sie in diesem Moment aus

Lehm formen. Sie lächeln.

Roses Bauch ist noch flach, als das Blut zurückkehrt. Sie hält es für Schmierblut,

aber es hört nicht auf.

Die Mutter sagt, dass das passiert in dieser Phase, sehr oft sogar, das habe ihr

der Arzt doch erklärt? Und Rose versteht nicht, wie etwas, das ein Mensch sein

soll, einfach so versickern darf.