Massin Guerdi
Ach jetzt bist du verheiratet, und jetzt schon ein Kind wie schön. Ach dein Mann hat jetzt noch eine zweite Frau, oh. Und bei dir so?
Erwachsen werden ist ganz anders, als Krank werden – es ist auch viel Schlimmer.
Wird man krank dann weiß man schon irgendwie, oh da saß ich jetzt im kalten für ne
Stunde und es hat gezogen, ja vielleicht werde ich morgen Erkältet sein. Oder da habe
ich halt mal dieses Ding gegessen das ich wirklich nicht hätte essen sollen, und jetzt tut
mein Bauch weh, nah ich weiß wohl was die nächsten Tage sein wird.
Aber Erwachsen werden ist so, und ich muss dafür etwas Ausholen:
Ich steige aus dem Flugzeug, ich besuche meine Familie in Marokko, ich bin aufgeregt,
und wir fahren mit dem Auto, und ich schaue begierig aus dem Fenster so wie jedes
Jahr, und ich sehe eine Stadt vorbeiziehen, und ich sehe die kleinen Hütten vor der
Stadt vorbeiziehen, die immer provisorischer zusammengesetzt sind je weiter sie von
der Stadt weg sind. Und dann kommen viele Felder, die irgendwie alle mehr so ausse-
hen wie Wüste aber auf denen trotzdem etwas wächst. Und wir kommen immer näher
und näher, und wir fahren von der Autobahn runter, auf eine Landstraße die sehr aben-
teuerlich ist, und wir biegen von der abenteuerlichen Landstraße ab auf einen noch
abenteuerlicheren Weg, zu beiden Seiten hohe Kakteen, und dann… sind wir da. Wir
steigen aus, mein Papa und ich, und wie immer haben sich schon alle versammelt um
uns zu begrüßen. Und ja ja wir begrüßen uns alle, küsschen hier küsschen dort, schnell
alles hinter mich bringen, ich will heute noch rüber! Okay ein bisschen muss man schon
so mit den Leuten reden und da bleiben aus Freundlichkeit, eine halbe Stunde, jetzt
vielleicht noch 15 minuten, okay jetzt ein paar Minuten dann gehe ich unauffällig. Jetzt.
Salumalikum, ich gehe die Nachbarn besuchen. Oh, meine Cousins schauen kurz
komisch. Egal. Ich gehe raus, wir haben eine lange lange einfahrt, viel länger als selbst
reiche Leute in Deutschland, aber auch nur weil das Haus in der Mitte vom Feld ist. Die-
ses Jahr werden übrigens Wassermelonen angebaut, wie jedes Jahr. Ich lernte mal in
der Schule man solle nicht immer das gleiche anbauen – aber sie wissen schon was sie
tuen.
Das Haus unserer Nachbarn ist der gleiche weiße Kasten wie unserer, nur etwas klei-
ner. Ich Klopfe an die Tür. Die Mutter öffnet mir, ich denke sie hat dieses Jahr schon
wieder ein paar Zähne weniger, ich sage das wir heute angekommen sind, und das ich
sie begrüßen wolle, ich werde selbstverständlich hereingebeten, muss mich gleich setz-
ten ein Tee wird mir gebracht. Die Leute sehen alle irgendwie Gezwungen aus, egal.
Ich schaue mich um, wo ist sie. Ihre Schwestern alle da, ihr Vater ihre Mutter, irgendein
Onkel... (Im übrigen ist es fast unmöglich sich in Marokko an einem Ort ohne irgendei-
nem Onkel zu befinden). Aber wo ist sie, wo ist sie. Selbstverständlich frage ich nicht
sofort direkt nach ihr, so viel Verständnis für die Kultur habe ich schon noch, obwohl ich
derer sehr wenig habe – zugegebenermaßen. Also der übliche Text, wie geht’s, gut,
geht’s gut? Ja geht gut. Hamdoilla. Mama geht’s gut?, ja gut, und Papa und deinem
Bruder? Allen geht’s gut. Das ist gut. Trink Tee. Ja danke ich trinke. Wann kommt dein
Papa uns besuchen, ja demnächst sicher. Und geht’s dir gut? Ja mir geht’s gut. Klingt
komisch aber so ist das da mit älteren Menschen zu reden dort. Also ja jetzt werden
noch so ein paar Süßigkeiten aufgedeckt, und es kommt mir vor als wäre es nun lang-
sam Zeit das ich fragen kann. Oh, jetzt wird noch die Obligatorische Cola gebracht die
nur für Gäste bestimmt ist, da ansonsten viel zu teuer, also in ein Lachen lasse ich wie
beiläufig einfließen:
Wo ist denn Yasmina eigentlich?
Und es wird kurz Still und alle schauen sich komisch an, (und wenn das in Marokko
passiert ist das doch wirklich komisch!).
Ja Yasmina, sie hat g e h e i r a t e t und wohnt jetzt bei ihrem Mann. (Selbstverständ-
lich)
Wie schön sage ich, und lache. Wie schön.
Ich gehe dann kurz darauf, wie schön.
Später frage ich meinen Vater, er wusste davon, ihr Opa hatte gewollt das sie Heiratet
noch bevor er stirbt, und da war einer der Interessiert war (wer ist im übrigen nicht an
einer hübschen 17 Jährigen interessiert?) und der hat Bananen angebaut, und dann
ging das alles anscheinend ganz schnell. Aha.
Aha aha aha aha aha. Ja nett. Ihr Opa ist dann übrigens auch bald gestorben der Arme.
Aha. Muss ich nochmal hingehen und mein Beileid aussprechen. Ich gehe also nochmal
hin, ein paar Tage später, um mein Beileid auszusprechen und um anzudeuten dass ich
wohl daran interessiert wäre mal mitzukommen wenn sie ihre Tochter besuchen fahren.
Also ich Klopfe, die Tür geht auf. Und dann steht sie da.
Salamolaikum, ich strahle, will sie zur Begrüßung auf beide Wangen küssen. Ich weiß
nicht wie sie es hinbekommt aber ohne große Gestik macht sie mir sehr klar, das wir
nur Hände schütteln. Aha. Ich Schüttle ihre Hand also, und küsse sie dann (meine
eigene Hand, es ist meine Lieblings Begrüßung in Marokko für Frauen die man noch
nicht so kennt – anstößig, aber so wenig das niemand etwas sagen kann). Sie legt ihre
Hand einfach nur kurz an die Brust. Begrüßung für Jedermann. Also ich komme rein,
und setzte mich. Normalerweise schaffen wir es immer zufällig nebeneinander zu
sitzen, dieses mal ist der Abstand zwischen uns zufällig maximal.
Wieder die gleichen Gespräche wie immer, normalerweise schaffen wir es uns wäh-
renddessen oft zufällig in die Augen zu schauen, dieses mal schauen ihre Schwarzen
Augen überall hin nur nicht in meine. Irgendwann merkt sie beiläufig an das sie jetzt ein
bisschen hier bleibt aber bald wieder zu ihrem Mann fährt, (Normal in Marokko), Aha
okay...
Ich starre sie immer offensichtlicher an, anstößig. Ihre Haare sind schwarz wie ihre
Augen, sie wird Nervös. Meine Augen sagen ihr: Erinnere dich, erinnere dich, tu nicht
so als könntest du mich jetzt einfach Ignorieren.
Mein Merkwürdiges Verhalten wird netterweise Übergangen. Ich gehe, bald darauf und
alle scheinen erleichtert (obwohl ich natürlich mehrfach gebeten werde noch ein biss-
chen zu bleiben. Nein, nein ich muss jetzt wirklich gehen. Noch ein bisschen, nein nein
ich würde gerne, aber ich muss gehen). Ich verabschiede ihre Mutter mit Wangenküs-
sen, ihren Vater, ihre Geschwister, sie hat keine andere Wahl. Sie sitzt noch auf der
Couch ich beuge mich runter, Kuss links, meine Lippen berühren sie nicht, rechts. Ich
flüstere nur ein Wort in ihr Ohr: Dach.
Auf wiedersehen, salamolaikum, ich bin weg.
Man hat keine Sternennacht gesehen, bis man eine Sternennacht gesehen hat. Um Mit-
ternacht, sitze ich auf dem Dach, habe mich unauffällig raus geschlichen… lächerlich.
Die Sterne von denen es offensichtlich unendlich gibt sollten machen das ich mich klein
fühle, unbedeutend. Aber ich fühle mich groß, der Himmel ist wie eine Kuppel über mir,
und ich bin wahrlich ihr Zentrum. Wer hat den jemals so gefühlt wie ich gerade, ich
schaue zu ihrem Haus, hoffe in jeder Sekunde dass sich die Tür öffnet und eine
schwarze Silhouette sich davon stiehlt. Wer hat schon jede Sekunde gezittert, gehofft,
gebangt mit tausend Sternen als Zeugen. Hier auf dem Dach begann alles, (fast). Als
Kinder haben wir zusammen gespielt, sie tat immer so als würde sie mich nicht mögen.
Aber sie war doch immer bei mir. Sobald ich in Marokko war, hat sie immer sehr viele
Gründe gefunden bei uns zu sein. Und ich habe auch so getan als würde ich sie nicht
mögen, aber ich mochte sie sehr. Und dann jedes Jahr, wurden wir zusammen älter,
und irgendwann waren wir keine Kinder mehr. Und wir haben aufgehört zu Spielen, und
wir hatten uns nichts mehr zu sagen. Von der Ferne sah ich sie nur noch, ein zwei
Worte wechselten wir nur noch, und ich glaube da habe ich gemerkt das ich sehr in sie
Verliebt bin, und ich saß oft auf dem Dach und habe über die Kakteen zu ihnen herüber
gesehen, und nach ihr Ausschau gehalten, sie beim Wäsche aufhängen, die Kleidung
flattert im Wind um sie, und ihre Haare flattern nochmal schöner. Immer wieder glaubte
ich damals zu sehen wie auch sie zu mir herüber schaut, immer wieder redete ich mir
ein dass ich es mir nur einredete, redete mir das dann wieder aus, und lag nachts wach
im Bett und führte im Kopf lange Monologe darüber was ich ihr wohl bedeute. Über sie
nachdenken ja, auch herüberschauen, das ging noch, aber mit ihr reden kam mir
unmöglich vor, diese Kakteen sind unüberwindbar.
Und dann gab es in ihrer Familie einen großen Streit, (dort streitet sich jede Familie
mindestens einmal, spätestens wenn es ans Erbe geht). Und bei ihr daheim hat jeder
jeden Angeschrien, da wird auch schon mal ein Messer drohend angehoben, da wird
schon mal ein Schraubenschlüssel ebenso angehoben und sie ist weg, auf unser Dach.
Wo ich saß, wo ich die schreie auch gehört habe, wo ich mich Versteckt habe als sie
hochkam, hinter dem Wasserturmdings, in dem ich früher immer Frösche gesehen
habe. Und sie sitzt da auf ein paar Säcken Mehl, starrt in den Himmel. Es hat so in mir
gerissen, ich wollte zu ihr, so so sehr, und ich hab mich nicht getraut, ABER ICH WILL
ZU IHR. Langsam kam ich aus meinem Versteck, gehe bedächtig zu ihr hin, ich weiß
noch wie sehr mein Herz klopfte. Sie bemerkt mich, ihre Schwarzen Augen bohren in
mein Herz, sie rennt auf mich zu, reißt mich förmlich nieder, wir liegen auf dem Boden,
sie mit ihrem Kopf auf meiner Brust, ihre Tränen tropfen auf mein tshirt, ich umschlinge
sie fester, meine Tränen tropfen aufs Dach. Wir sprachen kein Wort miteinander, aber
es wurde doch einiges klar.
Die nächsten Tage, waren wir sehr oft miteinander, hielten uns viel in den Armen, und
wir waren irgendwie noch Jung genug dass das Oke war für die Leute.
Und dann bin ich geflogen. Und ein Jahr später wieder gekommen. Und Plötzlich war
ich gar nicht mehr mit ihr allein, immer war jemand dabei, zufällig – natürlich nicht.
Und so wie Leute immer zufällig bei uns waren, so berührten sich unsere Hände immer
zufällig, und so saßen wir zufällig nebeneinander, und so streiften ihre Brüste zufällig
meinen Rücken entlang wenn wir zufällig gleichzeitig durch eine Tür gingen. Und zufäl-
lig verfehlte ich manchmal beim Begrüßen ihre Wange etwas und küsste ihren Hals,
und sie manchmal meinen und wenn mal jemand zwischen uns saß, dann legte ich mei-
nen Arm um denjenigen, sehr nett und freundlich so wie man das in Marokko halt
macht, und zufällig war ihre Hand dann dort wo meine Hand aufhörte zu seien. Und ihre
Blicke, ihre schwarzen schwarzen Augen die immer nach meinen suchten, egal wie voll
der Raum, jede Sekunde hatte Bedeutung jede Sekunde hatten wir unsere eigene Welt.
Die anderen aßen, wir taten so als würden wir essen, und schauten uns an. Die ande-
ren redeten, wir ließen unsere Augen sprechen, die andern lebten vor sich hin wir leb-
ten. Und immer einmal wenn ich da war, traute sie sich , und wir trafen uns um Mitter-
nacht auf dem Dach, und da lag sie in meinen Armen, über uns Sterne und wir flüster-
ten uns belanglose Dinge ins Ohr, und ich weiß sie hätte mir gerne so viel mehr gesagt
und ich hätte ihr gerne so viel mehr gesagt aber mein Arabisch war nicht gut genug,
aber wir flüsterten dennoch und manches hatte Bedeutung und ich wagte es niemals
sie zu Küssen, aber unsere Augen haben sich schon verschlungen, und unsittliche
Sachen gemacht, Sachen die ich so nicht aussprechen könnte, und wir haben über
vieles Gelacht, und es war schwierig leise zu lachen, wir mussten uns gegenseitig
zurückhalten. Und so ging das jedes Jahr, jedes Jahr, bis jetzt. Bis ein Bannanenbauer
sich ihrer bemächtigte – vorerst ! Und Jetzt sitze ich hier auf dem Dach, und warte,
warte ihre Silhouette zu sehen. Die Sterne sind meine Zeugen, von mir aus warte ich
die ganze Nacht!
Ich wartete dann die ganze Nacht aber sie kam nicht. Die nächste Nacht auch. Die
übernächste auch. Meine Familie begann Fragen zu stellen. Ich wurde Krank, es war
mir egal, ich wurde kränker, aber die Sterne können es bezeugen jede Nacht, wartete
ich. Und heute ist die letzte, morgen fliege ich. Oder auch nicht, ich frage mich schon
wie Krank ich mich stellen muss um den Flug zu verpassen.
Ich huste, und huste, ich ziehe die Deck die ich mir mit hoch genommen hab enger um
mich. Ich bin so am Ende... die Sterne schimmern, und drehen sich, ich lege mich hin
schließe meine Augen kurz…
Ich Spüre wie mein Mund warm wird, ich öffne ihn etwas, eine Zunge streift meine
Zunge, ich schmecke sie, und habe schon immer geahnt das sie so schmecken würde.
Sie flüstert, es tut mir leid in mein Ohr, und küsst mich nochmal, ich schmecke ihre
Tränen, es tut mir leid sagt sie, ich will sie festhalten, halte ihre Hand als sie sich schon
umgedreht hat, bleib sage ich, bleib, sie zögert kurz, meine Tränen tropfen aufs Dach,
ich küsse ihre Hand, sie zieht sie weg und verschwindet in der Dunkelheit…
Das wars. Das wars Sterne geht unter, Welt geh unter!
Erwachsen werden also, das ist es noch nicht gewesen. Das war Leben! Man muss ja
erst einmal Gesund sein kennen, um Krank sein zu verstehen.
Erwachsen werden ist also, ein schlechtes Jahr in Deutschland verbringen, wiederkom-
men, und die Landschaft ist egal, die Landstraße nervig, der Gedanke das ich Frosch
wasser Trinke stört mich ungemein. Ich hab keine Ahnung was ich im Leben will. Die
Nachbarn kommen zu Besuch, sie ist auch dabei, sie lacht nicht, wir begrüßen uns nor-
mal, ich frage mich ob ich sie Küssen will, dann fällt mir ein das ich ein Ausländischer
Arsch bin, der einmal im Jahr kommt, einem Mädchen hoffnungen macht das Zwangs-
verheiratet wurde und dann wieder abhaut, und ich habe überhaupt keine Lust mehr sie
zu küssen. Wir sitzen alle zusammen, ihre Augen sind kein bisschen so wie früher, sie
hat auch keinen Bock mehr.
Und wie geht’s dir, gut und dir, auch gut, sehr schön, Mama geht’s auch gut, auch gut,
Gott sei dank. Und sonst. Du bist Schwanger jetzt sehr schön. Ja schön. Mein Ehe-
mann will jetzt noch eine zweite Frau, aha okay. Ja bei mir auch alles gut.
Der ernst hat uns eingeholt, keiner tauscht mit irgendwem, Leben ist scheisse, und wir
sind alle schon längst Tot.
Aha okay
[1] Der Text wurde auf Wunsch des Autors vor Veröffentlichung nicht korrigiert.