Marius Goldhorn

Am Hang

Die Bungalowsiedlung Roter Hang gehört der Firma Braun. Sie liegt 257 Meter über Normalnull. Die Firma Braun stellt elektrische Kleingeräte her. Das Braun Innovationszentrum in Kronberg und den Schirnbornweg 6 trennt ein 3,6 Kilometer langer Fußweg durch den Viktoriapark und entlang des Golf- und Landclubs Kronberg e.V., bei dem man 118 Höhenmeter zurücklegt. Auf dem Golfclub graben ein paar Pensionäre ihre Schlägerköpfe ins feine Grün, andere suchen ihre Bälle. Tiger Woods, der nach einem Freund und Kameraden seines Vaters im Vietnamkrieg, Vuong Dang Phong, benannt ist und diese armselige Sportart von tapsenden, weißen Alten, die man hier sehen kann, befreien wird, wird erst in 3 Jahren, 7 Monaten und 18 Tagen geboren. Heute am 12. Mai 1972, ist Vuong Dang Phong schon mehr als ein Jahr gefallen und Earl Woods im Fort Hampton stationiert. Hier unten, in der Ebene, liegt Frankfurt am Main, aus dem Stadtdunst ragen Kräne, die alte Hochhäuser abreißen oder neue errichten sollen. Aber heute wird kein Hochhaus errichtet oder abgerissen, gestern ist das Offizierskasino des Farben-Building, Zentrale der amerikanischen Streitkräfte in Westdeutschland, in die Luft geflogen. Die Sonne scheint. Einen grauen Bungalow, eines der ersten Häuser im Schirnbornweg, hat Peter Handke für 262.000 Deutsche Mark gekauft. Das war letztes Jahr. Peter Handke dämmert darin, in seinem Kubus, in der Ecke. Peter Handke trägt keine Schuhe und keine Socken und gräbt sich mit den Zehen in das Lammfell der Lammfellmatte, auf der er liegt. Die Bügelfalte seiner Stoffhose ist schon lange zerlegen, neben ihm noch das Telefon und City Life von Donald Barthleme. Das Buch liegt auf Seite 60/61 aufgeschlagen da. Peter Handke wiederholt den ersten Satz, den er gerade gelesen hat: Ich ging ins Lebensmittelgeschäft, um Seife zu kaufen. Der Bleistift auf dem grauen Teppich, sechs Flaschenlängen entfernt. Peter Handke will am liebsten den ganzen Schlaf nachholen, den man ihm als Schüler geraubt hat. Draußen zwitschert ein Vogel, wieder überfliegt ein Helikopter Kronberg: graugetünchte Würfel in die Hanglage gesteckt, aber nur für die unglückseligen Oberen der Einkommenssteuerstatistik. Peter Handke denkt: Ich bin der einzige Ausländer am Roten Hang. Peter Handke ist 29 Jahre alt. Statt seines Namens zeigt seine Tür: Directed by John Ford.

Peter Handke ist seit seiner Kindheit sehr gelenkig. Peter Handke stellt sich auf, verharrt eine Sekunde im herabschauenden Hund. Am Ende des Mechanischen Zeitalters, sagt Peter Handke kopfüber in das Wohnzimmer, dessen Zentrum leer ist, nur an den Wänden ein Sofa und Stühle und Sofatische und ein Schreibtisch, nur Ablageflächen: Es stapeln sich Papiere und Fundstücke, Manuskripte und Zeitungsausschnitte, Kinderspielzeug und Post, Rechnungen und andere Briefe. Peter Handke bückt sich nach dem kurzen Bleistift, er schiebt sich die Haare hinters Ohr. Er steckt sich den Bleistift in die Hosentasche. Peter Handke geht ein paar Schritte auf das Sofa zu. Peter Handke denkt: Alles ist nervös. Nur ich nicht. Peter Handke steht im quadratischen Flur, von dem die Zimmer unerträglich künstlich verwinkelt abgehen wie Zellen. Peter Handke geht in die Küche. Er hebt ein Reiskorn aus einer Fliesenfuge auf. Peter Handke versucht, seine spezielle Ordnung noch nicht aufzugeben, weil er wenigstens das Außen bereithalten will für das Schreiben. Peter Handke will den Kopf an den Türrahmen legen und die Augen schließen, er will durchatmen, aufblicken, und alles sollte genau so sein wie vorher, nur ein bisschen anders. Er lässt es sein. Peter Handke denkt an den alten Deutschen. Der alte Nazi hat ihn in Essen bei einer Lesung nach seiner Meinung zur Rechtschreibreform befragt. Peter Handke denkt an sein Hotelzimmer in Essen, wo er sich am Samtvorhang die Hände abgetrocknet hat. Er hatte zur Rechtschreibreform keine Meinung. Der alte Nazi hatte eine Meinung, er hatte eine Meinung zu allem. Peter Handke denkt: Ich habe keine Meinung zu irgendetwas. Peter Handke nimmt ein unbenutztes Notizbuch aus einem Küchenregal über den Karaffen und steckt es ein. Peter Handke denkt daran, wie er eine Glaskaraffe nach Libgart geworfen hat. Er denkt daran, wie sie ihm gedroht hat, ihre Hand auf die auf 5 gestellte Herdplatte zu legen. Peter Handke denkt daran, wie er sich Haare ausgerissen hat, wie Libgart ihn ausgelacht hat dabei, wie er die Scherben mit dem alten Braun Staubsauger aufgesaugt hatte und die Scherben den Staubsauger dann letztendlich zerstört hatten. Peter Handke erinnert sich, wie er versucht hatte, herauszufinden, in welche Mülltonne in diesem komplizierten Mülltrennsystem des Roten Hangs der zerstörte Braun Staubsauger gehörte. Er, in seinem langen dunklen Mantel, hatte ihn neben die Mülltonnen gestellt, neben die gelbe, und auf kärntnerisch geflucht, bis sich die metallenen Jalousien der Nachbarswürfel bewegten. Peter Handke betrachtet den Wasserfleck des Wasserschadens an der Wand. Peter Handke befühlt den Wasserfleck mit der flachen Hand, um zu kontrollieren, ob er nun feuchter oder trockener geworden sei, als würde das irgendetwas ändern. Der Wasserfleck, denkt Peter Handke, sieht aus wie der nordamerikanische Kontinent oder wie ein Elefant oder wie eine Spitzmaus oder wie ein Dschinn aus der Flasche, der mir einen neuen Text flüstert. Peter Handke betrachtet den rot-weißen Braun MP 2 Multipress Entsafter. Peter Handke denkt: Wie in einer Schrecksekunde ein ganzes Zeitalter sein Ende findet. Peter Handke nimmt den Braun MP 2, zieht langsam die Müllklappe auf und schmeißt das Gerät auf die Eierschalen. Peter Handke blickt auf die Straße, er sieht die langhaarigen Nachbarssöhne in Militärparkern die Tür aufstoßen, der eine trägt die Golftasche des Vaters, der andere eine Kiste leerer Mineralwasserflaschen. Peter Handke fragt sich, welche Mineralwassermarke die Nachbarn trinken. Die Söhne legen die Sachen in den Kofferraum des BMWs des Vaters. Sie gehen weiter, sprechen nicht miteinander, die Finger in den engen Jeanstaschen, sie sprechen nicht, denkt Peter Handke, weil sie Arbeit für ihren Vater verrichten müssen. Der Vater, der Anwalt, der Nachbar kommt heraus und fährt mit dem beladenen Auto los. Die Söhne weichen dem Wagen des Vaters aus und gehen den Stich des Roten Hangs hinauf. Peter Handke wünscht sich eine stinkende Pizzabude in die weiße Siedlung zwischen die Bungalows. Er wünscht sich Vogelscheiße auf dem BMW, einen Lesenden auf einer Bank, einen Dorfirren wenigstens mit geschwollenen Händen und hysterischem Lachen, eine nicht funktionierende Müllabfuhr, irgendein Anzeichen des Organischen von Zivilisation. Peter Handke reibt sich den Nacken. Sollte er sich die Haare schneiden lassen? Von wem denn schon? Peter Handke trinkt ein Glas Calvados. Man wird sehr schnell müde in einer Wohnung allein. Er fährt sich mit seiner Zunge über seine zerschundenen Lippen.
Das Telefon klingelt. Peter Handke geht ins Wohnzimmer. Er bückt sich nach dem Telefon. Sollte ich anfangen zu rauchen? Er hebt ab.
Peter Handke sagt: Handke, ja.
Der Anrufer sagt: Hallo Peter, hier ist Siegfried. Ich wollte gar nicht stören. Ich wollte nur wissen, ob du gut zurückgekommen bist? Weißt du, was hier unten los ist? Peter Handke sagt: Das war die letzte Lesereise meines Lebens.
Siegfried lacht.
Peter Handke sagt: In Essen hat mich ein alter Nazi zur Rechtschreibreform befragt.
Siegfried lacht.
Siegfried sagt: Und?
Peter Handke nimmt das Telefon in die Hand und geht in die Küche zu seinem Taschenkalender.

Peter Handke sagt: Weißt du, wo ich war? Ich war in Soest, in Werl, Lemgo,Osnabrück, Wolfsburg, Braunschweig, Lübeck, Heide-Holstein und Itzehoe, das sollte ja reichen, aber dann fuhr ich nach Elmshorn, Göttingen, Essen, Münster,Mönchengladbach, Krefeld, Recklinghausen, Darmstadt, Mainz, Regensburg, Straubing, Konstanz, Tübingen, Würzburg und Heidelberg.
Siegfried lacht.
Peter Handke sagt: Ich höre nur die Helikopter.
Siegfried sagt: Joachim war in der Klettenbergstraße. Die Explosion muss heftig gewesen zu sein.
Peter Handke sagt: Wo warst du? Siegfried sagt: Abendessen. Und du? Peter Handke sagt: In der Badewanne. Siegfried sagt: In Frankfurt ist alles abgesperrt und abgeschirmt. Straßensperren und so weiter. Peter Handke sagt: Ich habe es alles im Fernsehen gesehen. Ich kann nicht darüber sprechen. Siegfried sagt: In Ordnung. Was ich noch sagen wollte. Das hat mir meine Begleitung erzählt: Dieses Jahr wird das längste Jahr des gregorianischen Kalenders sein.

Peter Handke sagt: Was soll das denn heißen? Siegfried sagt: Dieses Jahr ist Schaltjahr, und es wird auch noch zwei Sekunden länger praktiziert als alle vorherigen und kommenden Jahre des gregorianischen Kalenders, um die Weltzeit astronomisch korrekt zu halten. Zwei Schaltsekunden. Peter Handke sagt: Meine Güte, Siegfried, was redest du? Siegfried sagt: Am 30. Juni und am 31. Dezember wird jeweils eine Sekunde hinzugefügt.
Peter Handke sagt: Jesus Maria, ciao.
Siegfried sagt: Entspann dich etwas.
Peter Handke sagt: Flaubert war Epileptiker.
Siegfried lacht.
Peter Handke sagt: Vielleicht mach ich was zu den Baader-Meinhofs.
Siegfried sagt: Meinst du, die waren’s?
Peter Handke: Glaube schon.
Siegfried sagt: Ja, wahrscheinlich. Wir hören uns. Peter Handke legt auf. Peter Handke öffnet den Kühlschrank, nimmt die offene Weinflasche. Peter Handke denkt: Man könnte sich über ein hohes Treppengeländer werfen. Man könnte sich einen Strick binden. Man könnte Gift trinken. Man könnte sich Steine in die Taschen stecken und in die Seine gehen oder in den Rhein, die Donau. Man könnte in einen Vulkan springen. Man könnte sich in die Luft sprengen. Man könnte sich in eine Tischkreissäge legen. Man könnte sich eine Kobra kaufen. Oder eine Shotgun oder ein Ticket zur Golden Gate Bridge.
Peter Handke geht zurück ins Wohnzimmer, sein Blick bleibt an einem Foto von Libgart und Alfred hängen. Sie stehen auf dem Empire State Building. Libgart, die Kamera streng fixierend, sieht aus, wie sie sich sehen will. Alfred sieht aus wie ein Privatdetektiv, ganz in Khaki. Peter Handke geht weiter, er schaltet den Braun FS80 Fernseher ein. Peter Handke mochte diesen Fernseher, der Teil der Grundausstattung der Wohnung war, ein Versprechen beim Einzug wie warmes Wasser, ein Grundrecht auf das Fernsehen, denkt Peter Handke. Er mag ihn, weil er auf einem Fuß stand und, wenn Aminas Kindergartenfreunde mit hochkamen oder er nachts aus dem Restaurant des Schlosshotels nach Hause kam und im Alkoholwahn irgendetwas beim Walser nachlesen wollte, jederzeit drohte umzukippen. Peter Handke mochte den Fernseher auch, weil er ihn an eine Gerätschaft aus dem Cockpit eines Raumschiffs erinnerte, mit dem er an den gusseisernen Balkons der Saturnringe vorbeiflog. Der Fernseher sollte die Schaltstelle der Wohnung sein, im Wohnzimmer, das Peter Handke von jetzt an Kontrollzentrum nennen will. Das war alles so lächerlich, dass es Zuneigung verdiente. Peter Handke mochte den Fernseher aber nur, wenn er ausgestellt war, und manchmal stellte er sich vor, dass er entscheiden konnte, was lief, dass er ein Video auswählen konnte, was immer er wollte, aus dem immensen Archiv gedrehter Aufnahmen, und nicht ein verkokster hr3-Redakteur mit Wohnsitz womöglich noch auf dem Roten Hang. Während er auf den Fernseher zuging, um ihn anzuschalten, um eine gehasste Sucht zu stillen, stellte er sich vor, wie er dieses Gerät steuern würde. Er dachte: Ich würde einfach nur sagen: Interview mit Peter Handke von 1969. Und schon käme das Gespräch mit Friedrich Luft von 1969, und jetzt lächelte Peter Handke. Peter Handke würde niemals ein Interview mit sich anschauen.

Peter Handke schläft.

In den drei Programmen läuft immer noch die gleiche Sondersendung, die er schon gestern Abend und heute Morgen gesehen hat: die Berichterstattung über die Anschläge.

Peter Handke sieht die Nachrichten und trinkt. Er hört die Worte: Anschlag, Angst der Bürger um die innere Sicherheit, vermutlich terroristisch, Verkehrskontrollen und Kontrollen, Einstufung, unklar und Brand, scharfe Verurteilung und Verteidigung der demokratischen Grundordnung, Willy Brandt, Suche nach den Tätern und die weiteren Stichworte des immerwährenden Krisenzustands. Peter Handke wundert sich, dass ihm die Flasche nicht einfach aus der Hand rutscht und der ganze Rest, dass ihm das alles noch nicht aus den Händen geglitten ist und er eigentlich unter dem grauen Teppich wohnt. Ihm, dem sein Rhythmus völlig verloren gegangen war. Das Anschlagsopfer Paul A. Bloomquist, Sachschaden auf über 3 Millionen Mark beziffert, Hauptquartier des V. Korps und der CIA, mehr als 10 Verletzte, zweite Bombe in der dritten Etage der Polizeidirektion Augsburg, heute, gestern, Warnung, liefen auf den Parkplatz, wo eine Autobombe zündete, 10 Verletzte, ein Kind, Sachschäden über 500.000 D-Mark, 100 beschädigte PKWs, Fahndung, Meinhof, Baader, Bande. Peter Handke blickt auf den SPIEGEL und die FAZ auf dem Sessel. Er fühlt sich von Information beschmutzt. Peter Handke schaltet um. Er schaltet auf Kanal 9, die Live-Übertragung des Spielplatzes. Dort, zwischen zwei Häuserterrassen, hatte Braun seit zwei Jahren Kameras aufgestellt und einen eigenen Fernsehsender für die Bewohner des Roten Hangs installiert, auf dem rund um die Uhr der immer gleiche Ausschnitt des Spielplatzes übertragen wurde: Ein ganzer Spielekomplex, denkt Peter Handke, eher das Abbild einer Vorstadt, wie der Rote Hang, die kubischen Formen, geraden Linien, die Kinder schon vorbereitend auf diese Seelenlandschaft des Neubaus. Manchmal schaute er für einige Zeit diesen Sender, wenn keine Kinder auf dem Spielplatz waren, und fühlte sich plötzlich wohl hier oben am Roten Hang, und manchmal dann wollte er alle pittoresken Viertel der Altstädte in Deutschland und in Frankreich mit ihren verspielten Formen letztgültig in das Vergessen bomben und die Heuchler in ihren Altbauwohnungen mit ihren Dielen und verstuckten Decken gleich mit. Und manchmal, wenn er die Live-Schalte des Spielplatzes sah und gute Gedanken hatte oder nichts dachte, dauerte es einige Zeit, bis er aufwachte und von diesem Fernseher, der dann wieder wie ein Spaceship-Panel wirkte, sich losmachen konnte, weil er trinken wollte oder der Postbote klingelte. Peter Handke denkt: Das muss man den Baader-Meinhofs vorschlagen, wenn sie einen neuen Menschen haben wollen: die Altstädte zu zerstören. Heute, jetzt, sieht er zu seinem Erstaunen die Nachbarssöhne am Spielplatzrand stehen, ein Laken vor sich ausgebreitet, Pinsel in der Hand und Farbe. Sie scheinen ein Transparent zu bemalen. Peter Handke denkt daran, wie er Amina, die nur dada sagte, wenn sie etwas wollte, wenn sie auf etwas zeigte, dada, das Wort Tabu beibringen wollte: Ta-Bu – Ta-Bu – seine eigene Scheiße isst man nicht, Amina – Ta-Bu, Menschenfleisch isst man nicht, das ist tabu. Tabu ist ein Verbot, Amina, man darf nicht alles sagen, man schlitzt sich nicht ins Bein bis auf den Knochen, man isst keine Elefanten, man schneidet sich nicht den Arm ab und verprügelt damit Passanten, man darf nicht alles schreiben, man sprengt keine Menschen in die Luft, das ist ta-bu.
Peter Handke geht zum Regal mit den Platten. Er zieht Future Blues von Canned Heat heraus. Auf dem Cover von Future Blues wird auf dem Mond die USA-Flagge gehisst. Die Flagge ist falsch herum an der Fahnenstange angebracht.
Peter Handke nimmt die Platte heraus und legt sie auf die Braun TC 45 Kompaktanlage. Für einen Moment beobachtet er im Fernseher, wie der eine Nachbarssohn sich einen unabsichtlich wirkenden Farbfleck auf seinen Parkerärmel malt.
Peter Handke zieht die Terrassentür auf. Er setzt sich auf den weißen Plastikstuhl. Peter Handke stellt sich die Schreibmaschine auf die Beine, die den ganzen Tag nach draußen verbannt stand. Peter Handke schreibt:

Das größte Problem der Künstler im Westen bleibt: Aus Angst, mit der eigenen Produktion in die Belanglosigkeit zu verfallen, nimmt man sich einen Komplex wie ‚die Baader-Meinhof-Gruppe‘ zum Sujet aus einer abstrakten I d e n t i f i k a t i o n mit V e r f o l g u n g, mit dem R e v o l u t i o n ä r e n, dem Avantgardistischen, aus einer Identifikation mit der abgeschmackten Künstlergeste der ‚Änderung mit größter Radikalität‘. Stets mit den nie wirklich erlebten Hintergedanken, der Künstler sei von Natur aus ein vom Staat und der Gesellschaft Verfolgter. Mit den Diskussionen der K-Gruppen, mit den Morden an amerikanischen Soldaten, mit den Tötungen der vietnamesischen Bevölkerung oder brutalen Ausgrenzung besteht in Wirklichkeit keine emphatische Identifikation, die Identifikation bleibt abstrakt. Oder: Man hat also dann das große Thema, ‚die Zeit‘ sozusagen, auf der Palette, man hat Kontakt zu einem scheinbaren Syndrom. Und argumentiert nun hin zum Führungsanspruch der Kunst, der Führungsanspruch im Artistischen soll also hineinwirken in den Führeranspruch im Politischen. Da sind wir dann: vom Genie zum Führer und Kontakt mit dieser neuen Führung. Ein Vorschlag für ein hässliches Wort dafür wäre: abstrakter Realismus. Ein Realismus, der die Form vergisst, um nur nah genug am Gegenwärtigen entlangzuturnen, mit den Schaltworten der Medien jonglierend, um sich vor dem skandalsüchtigen Publikum ein Stückchen Relevanz zu erspielen. Der eine identifiziert sich mit der ‚Rodung des deutschen Waldes’, ein anderer mit dem ‚IsraelPalästina-Konflikt‘, der nächste und so weiter. Aber es ist, wie es ist: ‚Die Zeit‘ muss vorbeigelassen werden.

Peter Handke zieht die Seite aus der Schreibmaschine, zerknüllt sie und wirft sie auf den Kompost. Peter Handke denkt: Man muss gegen die Nachrichtenwelt vorgehen.
Er nimmt einen Stock, der an Aminas Fahrrad lehnt und drückt den Papierknäuel tief in den Kompost hinein, aus dem sich eine Nacktschnecke windet. Peter Handke gähnt. Peter Handke geht in die Wohnung. Peter Handke schaltet den Fernsehsender ein. Er sieht den Live-Stream vom Kinderspielplatz. Das Laken, das die Nachbarssöhne bemalt haben, hängt über dem Spielturm. Ein großes Peace-Zeichen, darunter steht: DROP ACID NOT BOMBS.

Er nimmt City Life von Donald Barthelme und setzt sich auf die Terrasse und schläft ein. Er träumt von einem Babygeschrei. Es ist sein Baby. Dann hört er Dampfschiffe. Dann hört er Phantome. Das Baby schreit nicht mehr. Hörst du das?, sagt sie. Das hört sich an wie ein Boxer, der ein Pferd schlägt, durch eine halbgeöffnete Schiebetür. Die Jockeys unterhalten sich. Peter Handke reißt die Augen auf. An seinem Garten zieht ein kleiner Demonstrationszug vorbei. Es sind die Kronberger Bürgerkinder: Anti-Vietnam. Natürlich begrüßen sie die Anschläge. Peter Handke kann es ihnen nicht verübeln. Peter Handke denkt: Aber Gewalt gilt nur als abstrakte Idee, niemand darf verletzt werden. Peter Handke wünscht sich, die Erde zu verlassen, in seinem Bett der einstigen Grazer Studentenkammer. Die Nachbarssöhne mit ihrem Transparent ziehen vorbei. Einer mit feistem Blick, ein Kleiner, der immer fremde Leute anspricht, denkt Peter Handke, mit kurzen rotbraunen Haaren und Adlernase, blickt durch den Maschendrahtzaun: Bist du nicht der Peter Handke?
Peter Handke sagt: Ja.
Der Rote: Ich hab dein Stück gesehen.
Peter Handke nickt. Peter Handke kann es nicht glauben, nicht jetzt so etwas.
Der Hippie sagt: Sie müssen mir da was erklären.
Peter Handke sagt: Nein, besser nicht.
Der Hippie sagt: Wir brechen ins Waldschwimmbad ein.
Peter Handke schweigt.
Der Hippie sagt: Komm doch mit.
Peter Handke sagt: Nein.
Der Hippie sagt: Dann sag aber, was ist die Aussage von Kaspar?
Peter Handke sagt: Dass das Leben schwer ist.
Der Hippie sagt: Unsinn! Du bist doch einer von uns, Peter. Wir gehen jetzt rüber bei Schwachats in die Garage, wir tanzen, und dann klettern wir ins Waldschwimmbad.
Peter Handke sagt: Nein, das will ich nicht.
Der Hippie verabschiedet sich: Ok Peter, falls du es dir anders überlegst – weißt du, wo die Schwechats wohnen?
Peter Handke steht auf und öffnet die Terrassentür.
Der Hippie, das Victory-Handzeichen, er sagt: Ok Peter, ich wollte nicht stören. Peter Handke wendet sich noch mal um und sieht, wie sich ein Button mit diesem gelben, nasenlosen Smiley im Zaun verhakt und dem Hippie die Brusttasche des Parkers aufreißt.

Peter Handke steht im Bad und schaut in den Spiegel. Peter Handke denkt: Das Grauenerregende am Spiegel ist die Tatsache, dass es die Anzahl der Menschen vervielfacht. Er stützt sich mit den Armen auf das Waschbecken. Er beobachtet das fließende Wasser. Er denkt an das Waldschwimmbad, dann an nackte, jugendliche Körper, und er fühlt sich so alt, sehr alt. Er stellt sich seinen Nachbar, den Anwaltsvater, vor, 969-jährig, wie er versucht, eine 6-Liter-Champagnerflasche in die Öffnung des Grünglascontainers zu stecken. Peter Handke denkt ans Meer, das er nie gemocht hat.

Peter Handke sitzt auf der Terrasse. Er nimmt den kurzen Bleistift aus seiner Hose und schreibt in sein Notizbuch. Das erste Mal seit seinen ersten Versuchen in Graz, seit langem also wieder, mit der Hand:
Baader am Meer Baader im BMW
Baader mit Badetuch
Baader mit roten Socken mehr
Baader und schlechte Zähne am Meer
Baader will am Weltall klopfen
Baader badet im Meer


Peter Handke spaziert den Roten Hang hinunter, ein kleiner Forst, ein Feld, eine Brücke über die Bundesstraße, ein weiteres Forststück, etwas Wald. Er weiß nicht, wohin. Am Wegesrand liegt eine Elster. Peter Handke bückt sich hinab zur Elster, die den Kopf ihm zuwendet, ein letzter feindlicher Blick. Peter Handke hockt vor dem sterbenden Vogel. Peter Handke denkt es: Immer geht es um die Liebenden und die Sterbenden, nie um die Nachrichten. Und auch wenn er sich schämt, denkt er: Manchmal scheint alles schon tot. Ensslin und Baader kommen ihm in den Sinn. Peter Handke denkt: Aber es geht ja gar nicht um sie. Es geht nicht um uns. Es geht um ihn: den sterbenden Vogel am Roten Hang. Den Schnabel öffnet er gegen uns.

Unten im Dorf kommt Peter Handke an der Buchhandlung vorbei, durch das Schaufenster sieht er den Buchhändler im Verkaufsgespräch. Peter Handke eilt vorbei. Er denkt: Wenn ich Bücher zuhause kaufen könnte, in meinem Kontrollzentrum. Und der Postbote würde sie einfach einwerfen, jedes Buch könnte ich mir bestellen. Peter Handke läuft weiter hinunter zum Schlosshotel. Er passiert den Golfplatz und sieht zwei Rentner, die auf der Suche nach ihrem Ball sind. Peter Handke sieht den Ball und steckt ihn eilig ein. Peter Handke denkt: Je künstlicher das Leben ist, desto rührender ist es. Und dann denkt er: Das rechne ich mir jetzt schon hoch an. Denn wer einmal versagt im Schreiben, hat für immer versagt. Wenn man einmal klein beigibt gegenüber der Nachrichtenwelt, ist man verloren. Am Grün des 18. Loches setzt er sich auf eine Parkbank und überschlägt die Beine. Der künstliche Rasen und sein künstliches Grün, denkt Peter Handke. Er schreibt in sein Notizbuch einen neuen Titel: Leben ohne Poesie. Er blickt zu Boden. Er sieht einen runden Stein. Das erste Mal seit seiner Kindheit wieder dreht er einen Stein um und zählt die Kellerasseln.