Dorina Marlen Heller
Sie sind wach
2020, Peking
Der Lärm weckt sie auf. Ihr Luftreiniger läuft auf Hochtouren, surrt. „Fuck.“ Mei tastet nach dem Handy, zwanzig Minuten hätte sie noch gehabt bis zum Wecker. Die App sagt heute nur mittelviel Smog. Die App sagt, dass ihre neuen Vorhänge heute geliefert werden. Die App sagt, dass sie ihre Tischreservierung für heute Abend nicht vergessen soll. Mei steht auf, erst der Blick aus dem Fenster, die App hat Recht, mittelviel Smog, sie sieht bis zwei Straßen weiter. Dann weißwaberndes Nichts. Der Luftreiniger surrt nur noch leise. Sie geht duschen, lässt heißes Wasser auf sich prasseln bis der Dampf den kleinen Raum ausfüllt. Jasmintee und einen Baozi mit roten Bohnen und die Bissen kleben ihr am Gaumen, sie genießt es. Gestern Abend bei ihrer Familie. Jedes Mal besorgt, scherzend, enttäuscht die Frage: Ob sie denn schon wen. Niemanden, gar niemanden? Einen Kollegen vielleicht? Sie ist siebenundzwanzig, für die Verwandten ist sie jetzt auch eine Übriggebliebene, sie kann ihnen nicht sagen, dass sie gar nicht übrig ist. Auf Familienfeiern nickt sie, lächelt sie, nickt sie, wenn ihr wieder ein Cousin dritten Grades vorgestellt wird. Mit Schweinefettfingern, mit Teigwangen, ohne Bart. Mei öffnet den Kleiderschrank, heute das schwarze Wollkleid, ihr zweitliebstes. Das Handy summt. „Heute Abend wird schön, ich habe deine Haut vermisst.“ Das Kleid wird sie ihr heute ausziehen.
Auf dem Weg zur U-Bahn sieht sie den Menschen in die Augen. Heute sind sie glänzender als sonst. Ein Lieferant rast auf seinem Moped an ihr vorbei, streift sie am Arm. Sie lacht. Die Luft ist November. Am Eingang zur Station Menschengedränge. Ihre Tasche durchleuchten lassen, sich vom faltigen Securitymann durchwinken lassen. Sich auf der Plattform bis an den Rand vorschieben lassen. In das Abteil gespült werden. Drinnen ist die Luft feuchtwarm, mindestens vier Menschen berühren sie gleichzeitig. Heute stört sie das nicht. Sie summt.
Von hinten schiebt sich ihr eine Hand zwischen die Beine. Tastet. Ein Finger bohrt sich durch ihren Slip, bohrt. Starr, Blutrausch, Dröhndumpfheit. Schreien kann sie nicht, schreien bringt nichts. Sie denkt an Maizi, die vor fünf Jahren mit den andren vier eingesperrt worden war. Nachdem sie Sticker in U-Bahnen verteilt hatten, gegen sexuelle Belästigung. Auch auf ihrer U-Bahnlinie. Vielleicht in diesem Zug. Maizi hatte ihr von dem Gefängnis erzählt, von der feuchten Kälte, sie durfte keine Jacke tragen, von den Verhören, Scheinwerfer ins Gesicht, von den Wärtern, „du liederliche kleine Lesbenschlampe“. ‚Streit anzetteln und Ärger machen‘ war die Anklage. Seitdem hatte keine mehr Sticker verteilt.
Jetzt. Nur ein paar Sekunden sind vergangen. Das Dröhnen klingt ab. Noch immer die Hand. Es wird noch dauern. Jahre, Jahrzehnte vielleicht. Egal. Sie selbst will es noch miterleben. Sie greift nach der Hand, biegt zwei Finger nach hinten bis es knackt, bis es schreit. Dann hält die U-Bahn, sie dreht sich nicht um, steigt aus. Die Luft ist November durchmischt mit Sonnenstrahlen.
1983, Guangdong
Das Treten im Bauch weckt sie auf. Seit letzter Woche schon kann sie nur noch auf der Seite liegend schlafen, der schwere Bauch drückt ihr auf die Lunge. Noch vier Monate. Sie hat Angst vor den Schmerzen. Davor in der Mitte gespalten zu werden. Beim ersten Ultraschall hatte der Arzt sie angesehen. Mitleidig. „Eine Tochter.“ Und dann, als sie stumm geblieben war: „Sie wissen, in dem Fall wäre eine Abtreibung kein Problem.“ Sie hatte nur den Kopf geschüttelt. Ihr Mann wollte gar kein Kind. Nicht mal das eine, das ihnen erlaubt wurde. Nach wiederholtem Ansuchen. Aber sie. Sie wollte den Herzschlag in ihr, lange bevor er da war. Sie hatte nicht zu denen gehört, die sich aufgelehnt hatten, als vor vier Jahren dann nur noch ein Kind erlaubt war, mit Genehmigung vom lokalen Parteikader. Sie hatte den Vorsitzenden Mao verehrt. „Frauen tragen die Hälfte des Himmels.“ Ja. Die Hälfte des Himmels. Eine Gesellschaft in ihrem Gerüst neu zu erschaffen, das dauerte. Fehler waren passiert. Aber die Idee, an der hielt sie fest. Als Bauerntochter durfte sie studieren, untertags Ingenieurin, abends Marx lesen, Engels lesen, später Woolf. Entflammt von der Idee der radikalen Gleichheit. Die Abschaffung von Arm und Reich, von Geschlechterungerechtigkeit. Von all den Gräben. Später dann, als sie von der Stadt zurück aufs Land gegangen war, hatte sie der Stillstand ernüchtert. Eine Idee, die nicht Flammen schlug. Die Frauen im Dorf, mit denen sie in der Schule war, die zwar jetzt arbeiteten, die Kinder teils auf den Rücken gebunden dabei, dann aber nachhause kamen, zu trinkenden, schlagenden Männern. Zum Herd, zu den Hühnern, zu den unbestellten Feldern. Einverleibt von einer Idee. Ihr eigener Mann ist nur zwei, dreimal im Monat zuhause. Er reist durch das Land von Kraftwerk zu Kraftwerk. Und wenn er kommt, dann schlafen sie Rücken an Rücken. Das Kind ist halb Gefallen an sie, halb Gesicht wahren gegenüber den Parteikollegen. Ein Sohn. Ein Stammhalter. Ein Männerleben.
Draußen noch Morgenhimmel ohne Sonne. Wieder ein Treten. Sie legt sich die Hand auf den Bauch. Denkt an Haomei. Mit der sie damals schon als Sechsjährige durch die Felder gerannt war, als Zehnjährige Steine auf die sie jagenden Nachbarjungen geworfen hatte, als Sechzehnjährige bis in die Dunkelheit hinein zusammengesessen hatte, sich gegenseitig ihre Zukunft ausmalend. Vor einem halben Jahr war Haomei dann ungenehmigt schwanger mit dem zweiten Kind, im siebten Monat. Lange war ihr Bauch kaum gewölbt gewesen, lange hatte niemand etwas gemerkt. Und dann hatte sie doch jemand der Zuständigen von der Frauenföderation verraten. Vielleicht ihr Chef, vielleicht eine Kollegin. Innerhalb von drei Tagen wurde sie zur verordneten Abtreibung einbestellt. Sie ging mit ihr. Musste draußen vor der Tür warten. Aber Geruch und die Geräusche, drangen den Wänden aus den Poren, bis auf den dunklen Krankenhausflur. Und Haomeis Schreie, erst laut, dann erstickt. Sie hatten ihr Stofffetzen in den Mund geschoben, erfährt sie später. Betäubung gab es keine. Sie denkt an die blutigen Papierüberwürfe auf dem OP-Tisch, die nicht nach jeder Frau, sondern nach jedem Arbeitstag gewechselt werden. Im Vorbeigehen ein Arzt zu einer Schwester: „Bauernabschaum. Vermehren sich wie die Säue.“ Haomei konnte nicht selbst aus dem Krankenhaus gehen, auf sie gestützt, halb gezogen, halb getragen. Blutrinnsal zwischen den Beinen, die verzerrten Gesichtszüge, nicht ansprechbar. Drei Wochen hatte sie sie gepflegt. Sich gewünscht sie hätte Ärztin, statt Ingenieurin werden können. Das war das letzte Aufglühen der Idee und ihr Ausrauchen zugleich. Seitdem kalte Kohle.
Sie öffnet das Fenster. Novemberfinger legen sich ihr um die Wangen, bis sie rot anlaufen. Sie selbst wird es vielleicht nicht mehr miterleben. Aber ihre Tochter. Dann steigt ihr Morgenübelkeit vom Bauch in den Brustkorb in den Hals. Sie kotzt und es ist eine Katharsis.
1907, Tokio
Die Kälte weckt sie auf. He-Yin Zhen versucht erst ihre steifen Füße aneinander zu reiben, tastet nach Liu, der noch schlafend neben ihr liegt. Sein Rücken ist warm. Kurz überlegt sie, enger an ihn zu rücken, noch mal einzuschlafen. Aber die Zeitschrift. Das Manifest. Die Revolution. Sie ist elektrisiert, von der Wirbelsäule aufwärts, kann schon nicht mehr liegen. Schlägt die Bettdecke zurück. Draußen, hinter den beschlagenen dünnen Scheiben, erwacht Tokio. Es ist Samstag. November tropft die kahlen Bäume vor dem Fenster hinunter. Sie macht Feuer im Ofen, setzt Wasser auf, mit unruhigen Fingern. Eingedrehte Teeblätter in die Tonkanne. Kälteumhüllt unter der Baumwolldecke, dann die Seiten umblätternd. Sie schreibt ihr Manifest, Schriftzeichen für Schriftzeichen. „Der Himmel verleiht Männern und Frauen die gleiche Macht. Nachdem Männer und Frauen beide Menschen sind, ist es ungerecht, dass es keine Gleichberechtigung gibt, das geht gegen das Prinzip des Himmels.“ In der nächsten Tianyi-Ausgabe soll es erscheinen. Ein Manifest für Chinas Frauen, das erste in tausenden Jahren Denken und Schreiben. Immer wieder taucht He-Yin Zhen die Feder in die schwarze Tinte. Sie schreibt Geschichte.
Sie springt auf, geht in die Knie, richtet sich wieder auf, immer wieder. Die Gedanken kleben. Der Sake von gestern rauscht noch in ihrem Blut, gestern auf den Holzbodenplanken bei Yuna, mit allen andren. Mit Liu. Ihrem Denker mit den sanften Händen. Gleich in ihren ersten Monaten, als sie sich bei jedem nächtlichen Heimweg durch die verwinkelten Gassen aneinandergedrängt hatten, gierig auf den Körper des andren, hatten sie sich geschworen, keine Kinder zu kriegen. Der Revolution alles unterzuordnen. Sie glaubt nicht an das Besitzdenken der Ehe, heiraten war nötig, um frei zu sein, um mit ihm nach Shanghai und dann nach Tokio zu gehen. Um denken zu können, um schreiben zu können. Um den Kommunismus voranzutreiben. Der Kommunismus wird die Frauen befreien, sie glaubt daran. Wenn sie ihr Manifest fertig hat, wird sie das Kommunistische Manifest ins Chinesische übersetzen, in Tianyi veröffentlichen.
Nebenan ist Liu jetzt wach, er hustet. Seine Lunge ist schwach. Immer wieder träumt sie von seinem Tod, sieht sich neben seiner Leiche erwachen. Immer wieder findet sie seinen Körper warm an ihrem. Am liebsten schläft sie halb auf ihm liegend ein, nachdem er in ihr war. Eine Hand in seinen Haaren. Aber. Noch wichtiger. Er ist ihr Kamerad. Der Revolution alles unterzuordnen.
Sie selbst wird es vielleicht nicht mehr miterleben. Aber die Frauengenerationen nach ihr. Sonne schlägt auf Eiskristalle am Fenster. Ein letzter Satz. Wie ein Manifest beenden, in das sie alles was sie ist, gelegt hat? Sonne schlägt ihr ins Gesicht, sanft. He-Yin Zhen taucht die Feder noch einmal in die Tinte. „Ob man mich versteht oder beschuldigt, das ist mir egal.“ Sie springt hoch, stößt das Fenster auf, atmet November. Sie ist hellwach