Caroline Weigele

Veilchenblaue Wände

Das war vor einem Jahr, als ich im Kinderzimmer eines Dreiunddreißigjährigen

saß und den selbstgemachten Burek seiner Mutter aß. Mit fettigen Fingern glitt ich

über die Tastatur und schrieb: „Ich saß im Zimmer eines Dreiunddreißigjährigen

und wartete darauf, dass wir endlich nach Koljani fuhren.“ Zum zweiten Satz kam

ich nicht mehr, denn wie sich herausstellte, wartete man in Banja Luka nicht lange

darauf, dass einer von der Arbeit zurückkommt. Nikola klopfte und schob seinen

Kopf durch die Tür. „Auf der Arbeit gab es nichts zu tun.“ Er wollte etwas trinken

gehen, er wollte wissen, wofür ich seine Hilfe bräuchte. Nikola arbeitete in einer

Bank, war gleichzeitig Abgeordneter einer Partei und Pächter einer Kneipe, wobei

Letzteres der lukrativere und auch ehrlichere Job war, sagte er, während wir die

Treppe runtergingen, durch das Wohnzimmer vorbei an Nikolas Vater. Der lag auf

dem Sofa, so, wie er schon den ganzen Tag auf dem Sofa gelegen hatte. Am

Morgen hatte er noch seinen Kopf gehoben und mich begrüßt, jetzt lag er nur da

und schaute eine Turbo-Folk Musiksendung, mit der Lautstärke auf Minimum. Er

lag da, versunken in den Polstern und in den schnell wechselnden, bunt-

blinkenden Farben des Fernsehers. Früher hatte er ein Ingenieur-Büro besessen,

das es nach dem Krieg nicht mehr gab. Heute schaute er Musikfernsehen ohne

Ton. Nikolas Kneipe trug den Namen „Olymp“ und lag an einer viel befahrenen

Hauptstraße, ein paar Häuser von dem seiner Eltern entfernt. Die Kneipe war

schon mittags um ein Uhr gut besucht. Die ersten Gäste saßen hier ab neun und

rauchten Zigaretten, tranken den ersten Kaffee und den ersten Schnaps. „Für den

Kreislauf“, sagte Nikola und bestellte uns bei seinem Kellner auch gleich zwei. Ich

fing an zu erzählen. Von meiner Mutter, die als junges Mädchen in den sechziger

Jahren zusammen mit ihrer Zwillingsschwester als Gastarbeiterin nach

Deutschland gekommen und letzten Endes dort geblieben war. Von den

Geschichten, die sie mir von den Besuchen im Dorf ihrer Eltern erzählt hatte,

bevor es mich gab. Von den vielen Jahren, in denen sie sich ein Kind gewünscht

hatte, das sie einmal in dieses Dorf hätte mitnehmen können. Vom Jahr 1991,

dem Jahr, in dem der Krieg in ihrem, in Nikolas‘ und auch in dem Land seines

Vaters ausgebrochen war, die ersten Panzer durch bosnische Städte und Dörfer

rollten und ich auf die Welt kam. Ich erzählte ihm vom Fernseher meiner Kindheit.

Wie er unser Wohnzimmer jeden Abend pünktlich zur Tagesschau in das blaue

Licht des NATO-Logos gehüllt hatte. Von den Nägeln meiner Mutter, die sich in

das Sofapolster gruben. Von der Öffentlichkeit, in der sie immer weniger

serbokroatisch sprach. Die deutschen Nachbarn rieten meiner Mutter, ihrer Tochter

nicht die Sprache von Kriegsverbrechern beizubringen, also verschwand das

Serbokroatisch nicht nur aus den Gesprächen mit meiner Tante in der

Straßenbahn, sondern auch aus unserem Haushalt. Drei Jahre nach Kriegsende

fuhren wir das erste Mal nach Koljani. Ich lernte meine Großeltern kennen, Tanten,

Onkel, Cousins und Cousinen; die unendliche Weite der Maisfelder, die über das

hügelige Feld meines Großvaters zogen; Zwetschgenbäume, unter denen wir die

Früchte für den Schnaps aufsammelten; Familienfeste mit Akkordeon und

Volksliedern; Schafe auf dem Feld und Schafe über dem Grillfeuer; die Pita und

die Umarmungen meiner Großmutter und dass man für die wichtigsten Dinge

keine Vokabeln und Grammatik brauchte. Ich lernte einen Ort kennen, der sich wie

Heimat anfühlte, trotz der fehlenden Sprache, trotz der deutschen

Staatsangehörigkeit, die in meinen Pass gedruckt war. Zwanzig Jahre später, nach

diesem ersten Besuch und unzähligen, die danach noch kamen, waren meine

Großeltern tot und eigentlich gab es keinen Grund mehr, nach Koljani zu fahren.

Niemand erwartete mich dort und bald würde es das Dorf nicht mehr geben, denn

meine Großeltern waren nicht die Einzigen, die ihr Haus verlassen hatten und auf

den Friedhof gezogen waren. Im ganzen Dorf gab es leere Häuser, der Friedhof

füllte sich, erstickte unter schwarzem Marmor und dem ein oder anderen

Schnapsglas, sofern mal einer kam, um es an ein Grab zu stellen. Ich zählte auf,

wie viele Kriege dieses Dorf überlebt hatte: Den Ersten, den Zweiten und den der

neunziger Jahre. Und ich zählte auf, in wie vielen Staatsformen dieses Dorf

gewachsen war und jetzt zerfiel. Auch drei: Monarchie, Sozialismus und

Demokratie. Ich redete davon, wie wichtig die Erfahrungen dieser Menschen

seien, von den Geschichten, die verloren gingen, und dass ich mir die noch holen

musste, bevor sie sich der Letzte auch noch mit unter eine dieser schweren,

schwarzen Marmorplatten mitnahm. Nikola zog an seiner Zigarette und bestellte

einen zweiten Schnaps. Sein Handy klingelte, er telefonierte laut und wild. Von zu

Hause wusste ich, dass das kein Streit war, nur eine Diskussion. Nachdem er

aufgelegt hatte, schaute er mich an und fragte, ob ich eigentlich wissen würde,

dass Leute auf dem Dorf speziell sind. Ob ich wissen würde, dass die Leute aus

der Stadt bei denen nicht gut ankämen. Ich bestellte auch ein zweites Glas

Schnaps, sagte nichts mehr und schaute mich ein bisschen um. Alles in dieser

Kneipe war veilchenblau. Die Wände, die Stühle und Bänke und auch der Tresen

waren veilchenblau. Ich fragte Nikola, was es damit auf sich hatte und er zuckte

mit den Schultern. Die Besitzerin hatte die Kneipe einmal selbst geführt, doch

seitdem ihr Mann nicht mehr am Leben war, naja. Nikola tippte sich mit dem

Finger gegen die Stirn. „Die kommt nicht damit zurecht, dass die Welt nicht mehr

so ist, wie sie mal war. Veilchenblau war die Lieblingsfarbe ihres Mannes und als

ich einmal vorschlug, neu zu streichen, da ohrfeigte Božica mich. Deshalb bleibt

die Kneipe so wie sie ist“, erklärte er. Ob ich wissen würde, was der Name Božica

bedeutet, fragte er. Ich nickte. Božica, die Göttin. Am Ende fuhr Nikola nicht mit

mir nach Koljani. Er hätte zu viel zu tun, sagte er, und überhaupt, in den Dörfern

wollte man nichts von uns wissen. Abends lud er mich vor meinem Zimmer ab, das

ich gemietet hatte und verabschiedet sich.

Am nächsten Morgen spazierte ich durch die Stadt. Banja Luka war eine Mischung

aus serbischen Flaggen im Wind und Cafés, aus denen laut Charts schallten.

Banja Luka war das türkisfarbene Wasser des Vrbas, das sich durch die Stadt

hindurchschlängelte und bald wieder zwischen den tiefen, felsigen Schluchten des

Umlandes verschwand. Banja Luka war ein Aufruf zum Gebet, der aus den

Lautsprechern der Ferhadija tönte und Souvenir-Ständen, entlang der Promenade.

Banja Luka war eine Mischung aus den Gesichtern von Vladimir Putin und Ratko

Mladić, dem General, der für den Genozid an rund 8.000 muslimischen Bosniern

im Juli 1995 in Srebrenica verantwortlich war und der jetzt, in eben jenen

Souvenirständen, neben dem russischen Präsidenten auf T-Shirts gedruckt im

Wind hin und her baumelte.

Ich hielt Ausschau und setzte mich schließlich neben eine Frau auf eine Parkbank,

die auffällig mit einer Kamera herumhantierte und Männer beim Schachspiel

fotografierte. Um ins Gespräch zu kommen, überlegte ich mir etwas äußerst

Originelles. „Entschuldigung, können Sie mir sagen, wie viel Uhr es ist?“ Sie lachte

und zeigte auf eine große Uhr direkt hinter mir und fragte, was ich hier mache. Da

kamen wir schon ins Gespräch. Das war Banja Luka nämlich auch. Eine Stunde

später saß ich auf Neras Sofa, in einer kleinen Wohnung im Erdgeschoss einer

dieser hohen Plattenbauten aus der Titozeit. Borik war ein gutes Viertel, sagte sie

mir, und bald wusste ich auch, was sie damit meinte. Ständig rief jemand am

Fenster Neras Namen, manchmal nur, um zu fragen wie‘s so ging, manchmal für

einen längeren Plausch. Dann stand sie vom Sofa auf, beugte sich über das

Fenster und unterhielt sich ein paar Minuten mit einer Nachbarin. Sie tauschten

Zigaretten, Obst und den neuesten Klatsch miteinander aus. Nera erzählte mir,

dass es früher immer so gewesen war. Die Tür war immer offen gestanden und

Nachbarn aus dem ganzen Haus waren jeden Tag gekommen, um gemeinsam

Pfannkuchen zu essen und Karten mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern zu

spielen. Es war wenig Platz, sagte sie, doch sie seien glücklich gewesen. Nera

war siebenundvierzig Jahre alt, eine kleine Frau mit langen, schwarzen Haaren

und dünnen, grauen Strähnen. Sie war so eine Person, der man ansah, wie sie als

Jugendliche gewesen sein musste. Laut, unbeirrbar, mit vierzehn schon am

Autofahren und Polizisten bestechen, wenn die ihren Führerschein sehen wollten.

Jetzt sah man ihr all das immer noch an. Jedenfalls den blassen Schatten davon,

wie sie einmal gewesen war. Vor allem sah man ihr aber eine Schwere an, die ihr

auf den Schultern lag. Von den Wänden schauten Gesichter, Nera sprach nicht

über sie. Stattdessen erzählte ich ihr, was ich auch Nikola erzählt hatte, und Nera

fragte, warum mir das alles so wichtig war. Ich wäre doch Deutsche, wen

interessierte da so ein Dorf? Trotzdem ließ sie ihren Autoschlüssel vor meinen

Augen pendeln, als wolle sie mich hypnotisieren. Wir fuhren los.

Nera war in Banja Luka aufgewachsen, hatte ihre Kindheit hier verbracht, ihre

Jugend, hatte mit zwanzig ein eigenes Foto-Studio eröffnet und war mit

Freundinnen jeden Sommer an die Adria getrampt, denn damals ging das noch.

Damals wollte keiner wissen, woher du kommst, wer du bist, was du bist. Kroatin,

Serbin, Bosnierin. Doch dann kam der Krieg und dann war das doch auf einmal

sehr wichtig. Also ob Kroatin, Bosnierin, Serbin. Ob Mazedonierin, Slovenin,

Montenegrinerin. So wichtig wurde dieses Detail, dass Nera ihre beste Freundin,

Amela, eine Muslima, in ihrer Wohnung verstecken musste. Amela verließ die

Wohnung irgendwann gar nicht mehr, weil sie davon gehört hatte, was die

Polizisten mit Muslimen machten, wenn sie ihnen über den Weg liefen. Was Banja

Luka nämlich auch ist: Klein. Man kannte sich, man wusste, wer man war. Und

die, die nicht mehr richtig waren in Banja Luka, die schoben Schränke vor die

Türen. Und sie schrieben Listen. Lange Wochen gab es manchmal kein Wasser

und auch keinen Strom. Doch wenn dann doch einmal die Deckenlampe flackerte,

wenn dann doch einmal das bräunliche Wasser aus dem Wasserhahn trat, wenn

dieser Moment endlich kam, passierte mit all denen, die die Türen verschlossen

hielten, die Schränke davor geschoben hatten, dasselbe: Anstatt schnell das zu

erledigen, was sie wochenlang nicht tun konnten, anstatt zu duschen, Wasser

abzufüllen, zu kochen oder Kleidung zu waschen, standen sie tatenlos in ihren

Wohnzimmern und starrten auf das Licht. Es gab so viel zu erledigen, dass keiner

wusste, womit man beginnen sollte. Und für solche Momente war es ratsam, eine

Liste bereitzuhalten, denn wo der Mensch beim Anblick eines fließenden

Wasserhahns fast den Verstand verliert, behält sie einen kühlen Kopf.

Wir saßen in Neras Auto und fuhren durch Banja Lukas Straßen. Auf einmal bogen

wir in eine enge Gasse. „Siehst du das Haus dort?“ Sie zeigte auf ein

unscheinbares Gebäude, das wohl mal weiß gewesen sein musste. Ein Polizist,

mit dem Amela und Nera zur Schule gegangen waren, wohnte dort. 1993 war

Nera ihm über den Weg gelaufen. Er hatte sie mit auf das Polizeipräsidium

genommen, grün und blau geschlagen. Ein Nachbar hatte ihm das mit Amela

erzählt. Heute sah Nera diesen Polizisten immer mal wieder, erzählte sie. Sie

würde ihm dann zuwinken und laut lachen. Wir fuhren raus aus der Stadt, auf die

kurvenreiche Straße Richtung Koljani. Wir überholten Traktoren, Pferdekutschen,

klapprige Yugos, von denen der Lack abblätterte und dichter, schwarzer Rauch

aus dem Auspuff blubberte. Ich erinnerte mich an ein Familienfest im Garten

meiner Großeltern und an meinen Onkel, der in genau so einer schwarzen

Rauchwolke gehüllt auf den Hof getuckert gekommen war. Er war damals

ausgestiegen und hatte erklärt, dass er Schnaps in den Tank gefüllt hätte, weil er

den Gaunern von der Tankstelle kein Geld zahlen wollte. „Muss ja nur

explodieren.“ Die Gauner-von-der-Tankstelle besäßen diese Tankstelle nur, weil

sie während des Krieges Häuser geplündert hätten. Mir fiel das jetzt ein und mir

fiel auch die Tankstelle wieder ein und die beiden Gauner-von-der-Tankstelle, die

dort gearbeitet hatten. Das war 1998 gewesen, zwei Jahre nach dem Krieg. Je

weiter wir fuhren, desto weniger Putz befand sich an den Fassaden der Häuser.

Rohbauten, roter Ziegel, Wäscheleinen, Hunde und Hühner davor und immer

wieder zwischendrin, vollkommen aus dem Kontext gerissen, eine makellose,

neonfarbene Villa, wie aus einem Barbie-Karton auf das weite, hügelige Land

gefallen. Mit griechischen Säulen und Veranda und allem. Ich fragte Nera, was

heute mit Amela war. Sie war noch während des Krieges aus Banja Luka nach

Bihać geflüchtet. Dort, wo sich eine der NATO Schutzzonen für die muslimische

Bevölkerung befunden hatte. Nach dem Krieg war Nera dorthin gefahren. Das

hätte auch schiefgehen könnten, erzählte Nera, doch nach dem Krieg wollte sie

sich beweisen, dass sie in ihrem Land immer noch fahren konnte, wohin sie wollte.

Während ihres Besuches musste sie sich Neijra nennen, die muslimische Variante

ihres Namens. Amela hatte niemandem erzählte, wer ihr Gast war. Ein paar Jahre

später hatte sie den Kontakt zu Nera abgebrochen.

Nach etwa zwanzig Minuten kam das Waldstück aus meiner Erinnerung und das

blaue, verbeulte Straßenschild mit den kyrillischen Lettern darauf: Koljani. Wir

bogen ab auf einen Schotterweg, wichen Schlaglöchern aus, fuhren am Friedhof

vorbei, der wieder ein bisschen voller wirkte als beim letzten Mal und kamen vor

dem Haus meiner Großeltern zum Stehen. Die Rollläden waren lachsfarben. Sie

waren einmal tiefrot gewesen. Nach der Beerdigung meiner Großmutter hatte

meine Mutter sie heruntergelassen, weil man das ja so macht, wenn man für eine

Weile geht. Weil man das so macht, auch wenn man für immer geht. Die Tür war

verschlossen, das Schloss verrostet und ich wusste, dass niemand das Haus

ausgeräumt hatte. Wofür auch? Wegen der zwei alten Kühltruhen, der

Mokkakannen, der Schnapsgläser, die wie Soldaten in Reih und Glied in den

Vitrinen salutierten, für die Töpfe, die Gabeln, das Telefon, die mottenzerfressenen

Laken? Braucht keiner, haben alle. Die Tür war zu und das Haus ein Museum

ohne Besucher. Nera sprach kein Wort, lief über den Hof, schaute in den

Schuppen, öffnete den Brunnen und holte einen Eimer Wasser hoch. „Meinst du,

das kann man trinken?“, fragte sie. Ich tauchte einen Becher hinein, den mein

Großvater einmal dort an einen Nagel gehängt hatte und der seitdem dort hing.

Ich trank, denn solange man hier keinen Zweifel an der Wasserqualität hegte,

solange war das hier noch nicht vorbei mit dem Dorf. In dem Moment ging im

Nachbarhaus die Tür auf und ein alter Mann trat heraus, brüllte uns einen Gruß zu

und winkte uns zu sich. Nera winkte zurück und brüllte zurück, wer ich war und

dass ich seine Geschichten wollte. Der Mann lachte und dann saßen wir auch

schon an einem kleinen Küchentisch neben einem Holzofen und Ratko schenkte

uns Mokka in kleine Tassen ein. Er freute sich, dass wir hier waren, als hätte er

nur darauf gewartet, endlich erzählen zu können. Er deutete auf das Haus

nebenan. Ein winziges Häuschen, strahlend weiß mit perfekt gemähtem Rasen.

„Das ist seit zehn Jahren leer. Meine Mutter, Kostadinka, wohnte dort, Gott hab sie

selig.“ Ich erinnerte mich an dieses Haus und auch an die Frau, die dort gelebt

hatte. Hin und wieder war ich mit meiner Tante bei ihr gewesen, weil Kostadinka

ihr die Zukunft aus der Mokkatasse lesen sollte. Ich erinnerte mich an einen Sarg,

den sie in ihrem Wohnzimmer stehen hatte, „um schonmal probezuliegen.“

Fünfzehn Jahre vor ihrem Tod war das gewesen. Ratko erzählte, wie sein Vater

kurz nach dem zweiten Weltkrieg – das müsste 1950 gewesen sein – bei einer

Familienfeier einmal zu tief ins Glas geschaut hatte, auf den Tisch geklettert wäre

und gerufen hätte, dass er sich die Monarchie zurückwünschte, „denn da wäre

dein Stück Land noch dein Stück Land gewesen.“ Zwei Wochen später waren zwei

jugoslawische Polizisten gekommen, hatten seinen Vater aus dem Haus gezerrt

und nach Goli Otok gebracht – die berüchtigte Gefängnisinsel Titos an der Adria.

Von dort war er nicht mehr zurückgekommen. Ein Vetter hatte ihn verraten. Ratko

schlug einen Spaziergang durch Koljani vor, und so spazierten wir über den

staubigen Weg. Ratko zeigte hierhin und dorthin und wusste über jeden etwas zu

erzählen. „Hier wohnte der Pilot von Tito – wirklich wahr.“ Wir kamen am Friedhof

an und Ratko lief an den Gräbern vorbei und zeigte auf die eingravierten Portraits

der Toten und erzählte von ihnen, als wären sie nicht fort, nur umgezogen, hierher.

Dann standen wir vor dem Grab meiner Großeltern und Ratko stellte zwei Gläser

Schnaps auf die Marmorplatte. „Weißt du eigentlich, dass dein Großvater zwei

Reihen weiter links gelegen hatte?“ Und tatsächlich, wie ich dort so stand, kam mir

etwas seltsam vor. „Die Idioten haben ihn falsch eingegraben. Neben Džakula

Mataković, dem alten Arschloch. Den hat deine Großmutter gehasst, aus welchem

Grund weiß ich nicht mehr. Jedenfalls haben sie deinen Großvater neben Džakula

eingegraben, aber deine Großmutter wollte auf keinen Fall die Ewigkeit neben

diesem Arschloch verbringen, denn die ist lang. Also haben sie deinen Großvater

wieder ausgegraben und hierher verlegt. Jetzt liegen die beiden hier und sind

zufrieden und sie führen einen schönen Tod. Schau doch.“ Ratko packt drei

weitere Gläser aus und wir stießen an. Auf die Toten und ihre Geschichten.

Darauf, dass sie leben, solange man sie erzählt.